Spur im Sand

Gisela Dreher-Richels

Spur im Sand

Texte für unterwegs

1996 erschienen in 4. Auflage
bei aktuelle texte, 96 Seiten,
Engl. Broschur 12 x 22 cm
ISBN: 978-3-89896-314-5

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„Ganz stumm werden. / In die Stille sich einziehen / von Innen her horchen / bis es zu dir spricht / und die innere Stimme spüren / die antwortet / ..."

Diese Wendung in die Stille gleicht einem Signal. Es zeigt die „Konstante / die bleibt / wenn alles geht." Man ist gefragt, ob man diese Wendung ins Verstummen mitzuvollziehen bereit ist. Auf den ersten Blick wirken die Worte wie eine Provokation, wie eine Aufforderung, den jeweils geläufigen Ort zu verlassen, die Bereiche der Verfügbarkeit preiszugeben, sich auf den Weg zu machen, ohne vorweg des Ziels ganz sicher zu sein.
„Du hast nichts mehr als dich zu verlieren. / so wenig / so viel..." „Dahindurch muß das sperrige „kleine Ich" freilich. „So wenig / so viel" mißt das geforderte Soll. Ein zu hoher Preis? Die zu erringende Freiheit schenkt den Allzu-Irdischen die lange entbehrte, die „neue Sicht aus dem Vogelflug", von der die Verse sprechen: „setz sonst auf nichts mehr / dahin mußt du kommen." Um des Neuanfangs willen und um fähig zu werden, den begonnenen Weg mutig „weiterzugehen", ist schon die dreifache Aufforderung geboten, im Sinne der mystischen Ge-Lassenheit: „Laß alles los / laß das Leben / laß auch das Liebste los..." Zu „lassen" ist das uneigentliche Leben, das vermeintlich-Liebste. Und warum? Weil es jenes unsagbare „Mehr" gibt, das „Eine, das not tut", die „kostbare Perle", den „Schatz im Acker" und wie alle die Symbolworte heißen mögen, die die spirituelle Tradition kennt, um das „ewig' wahre Gut" zu bezeichnen, das Menschen seit je motiviert, den Weg aus der Heimat in die Heimatlosigkeit anzutreten. Davon muß das Gedicht expressis verbis nicht eigens sprechen.
Die Evokation erfolgt dennoch. Die „Konstante", die „verläßliche", um die es allein geht, bedarf keiner besonderen Inhaltsbestimmung: „Hast du je / mehr gehabt". Wer das Abenteuer des Lassens bestanden hat, weiß, welche Antwort er / sie darauf zu geben vermag.
Der Radius des poetisierenden Ich reicht ins Transpersonale hinein... dehnt sich über die „fünf Blätter der Rose" hinaus: „In alle vier Winde / ist meine Liebe verteilt", eine Liebe, der Erde treu, für den Kosmos geöffnet „zwischen Hier und Dort / ... Oben und Unten..."
Nicht unerwähnt soll bleiben, daß alle diese Texte auch Wort-Laute sind. Als solche kamen sie auf vielfältige Weise zu Gehör; sie wurden von der Autorin gesprochen und besprochen. Das will bedacht sein. Denn, mit Hölderlin: „Seit ein Gespräch wir sind / und können hören voneinander" schwingt etwas zwischen dem Sprechenden und Hörenden... Gewiß, ein unaufweisbarer Vorgang im Kraftfeld der Beziehung von Ich und Du und Wir, der auch keines Erweises oder Beweises bedürftig ist.

Gerhard Wehr

 

Informationen zur Autorin

Gisela Dreher-Richels, geboren in Steinau an der Straße, tätig als bildende Künstlerin und freie Schriftstellerin, lebt und arbeitet in Künzelsau-Schloss Stetten und im Atelier Ochsenwang. Nach dem Akademiestudium Arbeit an Bildfenstern für öffentliche profane und sakrale Bauten, an Handzeichnungen gezeigt in Einzel- und Gruppenausstellun­gen. Ergänzung ihres Arbeitsbereichs durch die initiatische Therapie und eine hieraus entwickelte Kunsttherapie. Hinzu kam das Schreiben lyrischer Texte, aufgenommen und erschienen in Einzelpublikationen, Sendungen, Lehrbüchern und zahlreichen Anthologien.

 

Leseprobe

 

Windrose

In alle vier Winde
ist meine Liebe verteilt
in alle fünf Blätter der Rose
bin ich ausgedehnt
zwischen Hier und Dort
geht mein Leben
Mitte
Von Oben und Unten
versuch ich.

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